Othmar Eder  | Das Blau vor dem Fenster
April 6 to May 25, 2018
Vernissage: April 5, 18 to 20h
Artist Information Othmar Eder

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Das Blau vor dem Fenster
Von Thomas Studer

Besonnen, sich der eigenen Fussabdrücke im feuchten Moos, auf der nassen Wiese durchaus bewusst, lässt sich Othmar Eder treiben; die Titel seiner Ausstellungen der letzten Jahre lesen sich wie Kapitel einer grosszügigen Wanderung. Zunächst Über die Berge, dann Durch den Waldlenkt er die achtsamen Schritte, aus dem Unterholz brechend gelangt er An den Fluss. Am Garten vorbeispült es Eder dann 2014 In die Stadt. Es ist Lissabon, in der mit einem Male eine zuvor kaum wahrgenommene Sehnsucht gestillt wird.
Gleich der sanft von der portugiesischen Küste gebremsten Atlantikwelle kommt auch Eder hier zur Ruhe. Sein Gang erfährt durch die verwinkelten Gassen eine entschiedene Verlangsamung, welche ihn, Dinge erkennend, diese veredeln lässt. Mit wachem Auge prüft er den verblassenden Charme der einstigen Weltmacht, Spuren derselben finden sich an sämtlichen Hausecken, welche dem aufmerksamen Besucher derart malerisch entgegentreten.

Gefundenes wird transformiert, mal malend, mal zeichnend. Klaren materiellen Einordnungen entzieht sich die achtzehnteilige Serie Cinemateca Portuguesa 2014 – 2017, welche prominent das Herz der Galerieräumlichkeiten bespielt. Am Anfang steht ein Besuch der ‚Feira da Ladra‘, des Flohmarkts der Diebin, welcher Eder nicht etwa bestiehlt, sondern ihn vielmehr auf eine Serie analoger Schwarzweissfotografien stossen lässt. Der stete Spurenaufspürer Eder ist fündig geworden, wird in seiner Funktion als Spurenarrangeur gekitzelt, hält er mit den Fotografien doch eine Doppelspur in der Hand. Einerseits gilt das analoge Bild nichts als Abdruck bestimmter Verhältnisse auf Lichtkristallen, andererseits hat der beständig nagende Zahn der Zeit der Serie gleichsam seinen kompromisslosen Stempel aufgedrückt. Nur wenig später ist Eder das Glück erneut hold – günstig ersteht er zwei alte Fläschchen portugiesischer blauer Tinte. Mit dieser stimmt er nun ein in den Spurenchor, achtzehn jener Fotografien übermalend, ihnen damit einen Schleier vorhängend, sie in weite Ferne rückend.

Gleich dem Fenster, innerhalb dessen das  titelgebende Blau gleichermassen flüchtig vorbezieht, wie die Leisten es rahmen, so fixiert auch Eder Momente, indem er selbst den Auslöser betätigt. Momente werden verlangsamt, gar angehalten, als Spur für die Nachwelt greifbar. Mit keckem Augenzwinkern balanciert Eder zwischen der ephemeren Qualität eines Augenblicks und unserer weder gänzlich rigiden, noch völlig flexiblen Wahrnehmung. In Espelho bannt er den bestimmten Blick auf eine Spiegeloberfläche. Diese wiederum wird entschieden manipuliert durch Verfärbungen, der normierte Blick so hinterfragt und die Möglichkeit eröffnet, vermeintlich Bekanntes neu zu entdecken.

Behutsam entschleunigt Lissabon das Schaffen Eders, der im Umkehrschluss die Schritte des Betrachters drosselt, diesen einlädt, innezuhalten und den Moment noch etwas länger auszukosten. Aber es ist auch Eder, der sachte weiter schubst, denn ein gänzliches Erstarren kann niemals fruchtbar sein. Von Atlantiksonne gebräunte Arme sorgen für den wohlwollenden Druck einer freundschaftlichen Umarmung, einen Ausstellungsbesuch lang während, noch auf dem Heimweg nachwirkend.

Othmar Eder wird 1955 in Kufstein/Tirol (AT) geboren und schliesst sein Studium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien ab. 1982 vollzieht er den Transfer in die Schweiz, seit 2001 lebt und arbeitet er in Stettfurt, TG. Für seine Arbeiten hat er zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten, einschliesslich des Thurgauer Förderbeitrags (2014). Seine Werke werden regelmässig im In- und Ausland gezeigt, im August 2018 präsentiert Eder seinen neuen Werkkatalog.